Bahnhöfe als soziale Brennpunkte
Die Gebiete um den Westbahnhof waren, von der Gründerzeit bis weit in die 20er-Jahre, beliebte und begehrte Wohngegenden. Hier wohnte das betuchte Stadtbürgertum, große und teure Hotels wurden errichtet, die Straße zum Bahnhof war als eine Flaniermeile angelegt, oft mit sehr viel Grün und edlen Geschäften.
Der Wiederaufbau der 50er- und 60er-Jahre orientierte sich nicht an Ästhetik, sondern an Funktionalität. Bahnhöfe sind stark frequentierte, anonyme, frei zugängliche, öffentliche (im Winter geheizte) Räume und deshalb auch stark genutzte Begegnungszentren für sozial ausgegrenzte Menschen. Spätestens seit dem Erscheinen des Buches Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo kennt man Bahnhöfe auch als Szenetreffpunkt von Jugendlichen. Bahnhöfe sind oft bevorzugter Aufenthalt für suchtkranke Menschen, denen andere Orte nicht offen stehen. Doch ist der Treffpunkt Bahnhof nicht immer nur als Ausdruck von Misere und Elend zu verstehen, sondern auch als selbst gestaltete Form des täglichen Zeitvertreibs. Die Begegnung mit Gleichgesinnten macht den sozialen Ausschluss und die materielle Not etwas weniger bedrückend.
Erst seit jüngerer Zeit versucht man, die Bahnhofsgegenden wieder aufzuwerten. Umliegende Wohnviertel werden saniert. Bahnhöfe haben heute viele Funktionen: Verkehrsknotenpunkt, Dienstleistungszentrum, Profan- oder Repräsentationsbau, Treffpunkt, Symbol für Technik und Fortschritt, Arbeitsstätte oder einfach nur als Aushängeschilder einer Stadt.
Bei diesen Funktionen ist kein Platz mehr für unwillkommene Randgruppen wie Alkohol- und Drogenkranke, Arbeits- oder Chancenlose. Polizei und Security werden dazu angehalten, dies in den Griff zu bekommen und Menschen fortzuschicken. Die Probleme werden, getreu dem Motto „Aus den Augen, aus dem Sinn!“ in Seitengassen und Parks verlagert. Ein aus Sicht der Grünen unakzeptabler Weg. Stadt, Bezirk und auch die ÖBB sollten sich den Problemen stellen.
Situation am Westbahnhof
Nach Information der ÖBB halten sich allein am Europaplatz durchschnittlich 100 "auffällige" Personen auf. Die Jugendnotschlagstelle "a-way", angesiedelt in der Felberstraße, ist die einzige dieser Art in Wien. Der so genannte "Drogenbus", eine niederschwellige Anlaufstelle für Drogenkranke und SexarbeiterInnen in der Gerstnerstraße, wird seit November 2007 nicht mehr betrieben. Als Ersatz soll lediglich ein einziges flexibles/mobiles Team mit dem Namen SAM herhalten. Obwohl die Arbeit von SAM zweifellos professionell gestaltet ist, kann sie nicht das notwendige Maß an sozialer Versorgung, Beratung und Krisenmanagement bereitstellen wie eine lokale Einrichtung.
Wir Bezirks-Grünen haben deshalb beantragt, dass 5% der geplanten 17.000 m2 des Einkaufszentrums als Flächen für soziale Einrichtungen gewidmet werden. Der Bezirk hat zugestimmt, die Stadt Wien aber hat abgelehnt!
Birgit Hebein
Klubobfrau

